Yoga und Kognitionswissenschaft

In der indischen Gesellschaft gibt es die Psychologie als eigenständige und etablierte Wissenschaft noch nicht sehr lange. Stattdessen haben Praktiken wie das Yoga, die psychologische und spirituelle Elemente miteinander verbinden, eine zentrale Rolle beim Verstehen des menschlichen Geistes und Verhaltens gespielt.

Patanjali, ein weiser Gelehrter des Altertums, dem traditionell die Verfassung von 196 Aphorismen (Sutras) zur Philosophie und Praxis des Yoga zugeschrieben wird, widmete nur zwei dieser Sutras direkt den Asanas, also den körperlichen Haltungen im Yoga. Der Großteil des Textes beschreibt ein komplexes System zur Bewältigung des körperlichen und geistigen Lebens in seiner Gesamtheit, basierend auf Experimenten aus der Ich-Perspektive.

Dieses Experimentieren aus der ersten Person wird von einer unermüdlichen und fokussierten Beobachtung des Geistes angetrieben, während er von Moment zu Moment agiert. Im Laufe der Jahrhunderte haben diese Experimente und Beobachtungen hingebungsvoller Praktizierender zu einem reichen begrifflichen Rahmen und grundlegenden Erkenntnissen über die Wechselwirkung zwischen dem menschlichen Geist und dem Körper geführt. In diesem Sinne versteht Yogalife Yoga als eine Wissenschaft des menschlichen Geistes und Körpers.

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, unsere Behauptungen empirisch auf die Probe zu stellen – nicht nur, indem wir die Schüler einladen, Techniken selbst zu testen und zu erforschen, was funktioniert und was nicht, sondern auch im strengeren Sinne einer Suche nach objektiver, wissenschaftlicher Validierung der Techniken und Prozesse.

Yoga und Kognitionswissenschaft
Kognitionswissenschaft bei Yogalife

Kognitionswissenschaft

Im Westen ist die Kognitionswissenschaft das Forschungsfeld, das den menschlichen Geist und das Gehirn in all seinen Facetten untersucht. Der Fokus liegt dabei auf den Mechanismen, die beispielsweise der Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, dem Gedächtnis, der Handlungsplanung oder der motorischen Steuerung zugrunde liegen.

Die Kognitionswissenschaft als Disziplin ist wesentlich jünger als Yoga und steht fest auf dem Fundament der wissenschaftlichen Methode, die im Westen entwickelt wurde, um objektives, empirisches Wissen auf der Grundlage von Beobachtungen aus der Dritter-Person-Perspektive zu generieren. Darüber hinaus nutzt sie modernste technologische und methodische Entwicklungen zur Untersuchung von Geist und Gehirn, wie die funktionelle Magnetresonanztomographie, Deep Learning und Optogenetik. Diese akribische und distanzierte Untersuchung des Geistes und Gehirns hat zu wichtigen Erkenntnissen über deren Funktionsprinzipien und Mechanismen geführt.

Interessanterweise nehmen einige der yogischen Behauptungen über die Natur des menschlichen Geistes neuere Entwicklungen in den Kognitionswissenschaften vorweg. Konzepte wie *Predictive Coding* (prädiktive Codierung), *Embodied Cognition* (verkörperte Kognition), interne Aufmerksamkeitsbiasse etc. sind allesamt zentraler Bestandteil des Yoga, sind jedoch erst vor kurzem in den Vordergrund der experimentellen Psychologie gerückt.

Kooperation

Unser Ziel bei Yogalife ist es, die Entwicklung einer kognitiven Wissenschaft des Yoga zu unterstützen. Erstens wollen wir mit einigen der weit verbreiteten Missverständnisse über Yoga aufräumen, die dessen Integration in die etablierte Kognitionswissenschaft behindern. Yoga ist kein esoterischer, rein spiritueller Lebensansatz, sondern kann durch das Experimentieren aus der Ich-Perspektive mit bodenständigen Auswirkungen tatsächlich eine Quelle valider Wissensgenerierung sein.

Zweitens wollen wir den beiderseitigen Nutzen einer solchen Integration für die Grundlagenforschung zu mentalen Phänomenen sowie für Anwendungen in der Psychopathologie hervorheben. Erkenntnisse aus dem Yoga können leicht zugängliche Ansätze mit potenziell tiefgreifenden Auswirkungen auf das Leben der Menschen liefern, die für empirische Untersuchungen bereitstehen.

Trotz der potenziell nützlichen Erkenntnisse in vielen Bereichen führt das allgemeine Fehlen von Experimenten aus der Dritter-Person-Perspektive manchmal dazu, dass die Yoga-Gemeinschaft anfällig für die Akzeptanz unbegründeter Überzeugungen und nicht hilfreicher oder sogar schädlicher Praktiken wird. Unser vorgeschlagener Ansatz fördert eine kritische Perspektive, die es uns ermöglicht, auf der Grundlage empirischer Experimente die Spreu vom Weizen zu trennen.

In Zusammenarbeit mit Dr. Sam Verschooren (Humboldt-Universität zu Berlin; Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften) entwickeln wir ein gemeinsames Framework und eine Sprache, um über den menschlichen Geist zu sprechen. Zusammen bauen wir ein Forschungsprogramm auf, das Erkenntnisse aus dem Yoga als Inspiration für empirische Studien nutzt. Wenn du mehr erfahren möchtest, kontaktiere info@yogalife.org.

Yoga-Klassen im Bereich der Kognitionswissenschaft